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Niemals so wie überall |


Das ganze Ruhrgebiet besteht aus Städten, Industrieanlagen und Straßen.
Das ganze Ruhrgebiet? - Nein! Beton, Ziegel, Stahl und Teer verdecken nur teilweise die Millionen Jahre alten Naturräume, die Zivilisation und Industrialisierung erst in den letzten 150 Jahren so stark überprägt haben. Vom Mittelgebirgstal der Ruhr im Rheinischen Schiefergebirge bis hin zur Heidelandschaft an der Lippe bietet die Region Ruhrgebiet immer noch eine immense natürliche Vielfalt.
Höhen und Hämmer - das Rheinische Schiefergebirge
Seit einer Million Jahren schneidet sich die Ruhr in die Gesteinsschichten des Rheinischen Schiefergebirges ein. Das Flussbett liegt heute etwa 100 Meter tiefer als die benachbarten Höhenzüge von Bergischem Land und Sauerland. Nach ihrem Weg durch die nördlichen Ausläufer des Mittelgebirges wendet sich der Fluss bei Essen-Kettwig nach Norden, fließt erst auf den letzten Kilometern durch "plattes Land" und mündet dann bei Ruhrort (Duisburg) in den Rhein. Die Mündung der Ruhr hat sich öfter aus natürlichen Gründen verlagert, wurde aber auch vom Menschen verlegt. Das eigentliche "Ruhr-Gebiet" liegt also im Rheinischen Schiefergebirge, wenn sich auch der heutige Sprachgebrauch fast ausschließlich auf das Gebiet nördlich davon bezieht.
Die Hochflächen des Schiefergebirges, geprägt durch hohe Niederschläge und ertragsschwache Böden, eignen sich wenig für Ackerwirtschaft. Sie sind aber reich an Wäldern und Erzen. Schon die Kelten machen um 300 v.Chr. aus dem Holz der Wälder Holzkohle. Mit der Hitze der Holzkohlenfeuer, angefacht durch Wind oder Blasebalg, gelingt es, aus dem Erz das Eisen zu schmelzen: Der Rohstoff für Waffen und Werkzeuge, die in der nördlich benachbarten Hellweg-Ebene gehandelt werden. Die zunächst abgebauten Erze der Region gehören zumeist zum Typ des "Raseneisensteins". Diese Bezeichnung deutet an, dass das Erz direkt an der Erdoberfläche abgebaut werden kann. Zwar ist es wenig konzentriert und häufig stark verunreinigt, ist dafür aber mit einfachen Methoden zu bearbeiten. Später wird dann das in festen Gesteinen gebundene, höherwertige Erz auf bergmännische Weise abgebaut.

Ein weiterer Bodenschatz liegt leicht zugänglich im Süden der Region: Seit dem frühen Mittelalter wird an der Ruhr und ihren Nebenflüssen die oberflächlich anstehende Kohle von Bauern abgegraben. Sie wird zum Heizen genutzt oder an die Eisenschmieden verkauft, wo die Steinkohle nach und nach die Holzkohle als Brennstoff ablöst. Die Schmiedehämmer liegen in den Seitentälern der Ruhr an zahlreichen Bächen, die große Wasserräder antreiben. Die Hämmer werden von einer einfachen Mechanik angehoben und beim Fall formen sie die glühenden Werkstücke. Das rhythmische Hämmern hallt ständig von den Hügeln wider. Der Bach betreibt auch den Blasebalg, der die heiße Ofenglut entfacht, mit der die Erze geschmolzen und Werkstücke erhitzt werden. Im Ruhrtal überdauert das Schmiedegewerbe bis in die vorindustrielle Zeit. Sichtbare Zeugnisse dieser alten Tradition sind zahlreiche Stauwerke, Umleitungskanäle, Teiche, Wasserräder und Hämmer.

Eigentlich sind Eichen- und Buchenmischwälder die typischen Wälder des Rheinischen Schiefergebirges. Doch schon früh verschwinden diese weitgehend, und die Höhen und Hänge werden kahl: Die Eisenherstellung erzeugt einen riesigen Bedarf an Holz. Aus 5 kg Holz kann nur 1 kg Holzkohle hergestellt werden; und davon braucht man wiederum mindestens 25 kg, um aus 3 kg Eisenerz gerade mal 1 kg Eisen herzustelle... Für 1 kg Eisen benötigt man also 125 kg Holz! Als es um 1850 zum ersten Mal gelingt, auch aus Ruhrkohle Koks zu erzeugen und diesen dann zur Eisenherstellung zu nutzen, wächst entlang des Ruhrtals schon kaum mehr ein Baum. Heute sind Hänge und Höhen am Ruhrtal wieder stark bewaldet und deshalb als Siedlungs- und Erholungsraum sehr beliebt. Der Wald ist heute jedoch vielfach mit Nadelbäumen durchsetzt, denn diese werden wegen des schnellen Wachstums schon lange bei Aufforstungen bevorzugt.
Eiszeit bringt Reichtum - die Hellwegbörde

Die fruchtbaren, landwirtschaftlich genutzten Böden der heutigen Hellwegbörde sind eine Hinterlassenschaft der letzten Eiszeit: Das kühle Klima lässt, auch in den nicht von Gletschern überfahrenen Landschaften, keine geschlossene Vegetationsdecke zu, und so kann der Wind die feineren Bestandteile beispielsweise aus Flussablagerungen ausblasen und dort wieder meterdick ablagern, wo seine Geschwindigkeit gebremst wird - in der Regel also am Rand der Mittelgebirge. Auf diesem sogenannten Löss bilden sich in der Nacheiszeit aufgrund seines Kalkgehalts und seiner Struktur sehr fruchtbare Böden aus. Sie bieten optimale Wachstumsbedingungen für Getreide und ermöglichen den Bewohnern der Gegend schon in der Bronzezeit (um 1.800 v.Chr.) einen intensiven Anbau. Die Bevölkerung wächst, und es bilden sich "Haufendörfer", also Ansammlungen von unplanmäßig und unregelmäßig angeordneten Einzelhäusern.
Neben der Landwirtschaft sorgt seit über 2.000 Jahren der lebhafte Handel in der Region für relativen Wohlstand in der Hellwegbörde, deren Namensgeber, der Handelsweg Hellweg, am Nordrand des Rheinischen Schiefergebirges verläuft und West- und Osteuropa verbindet. Die frühen Gründungen Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund, Unna und Soest zum Beispiel können sich hierdurch gut entwickeln, und auch die Bevölkerung des umliegenden Landes profitiert von dieser Verkehrslinie. Der Name leitet sich wahrscheinlich vom Salzhandel ab (mittelhochdeutsch: hal = Salzwerk). Der Hellweg verdankt seine besondere Bedeutung Karl dem Großen, der um 800 n.Chr. im Abstand von jeweils einem Tagesmarsch befestigte Quartiere anlegt, sogenannte Königshöfe. Diese Höfe werden zu befestigten Plätzen ausgebaut, in deren Schutz sich Handwerker und Händler ansiedeln.
Viele Städte entlang des Hellwegs werden Mitglieder der Hanse, dem großen mittelalterlichen Städte- und Handelsbund, um die gemeinsamen Interessen der Kaufleute zu vertreten. Die Städte dienen nicht nur als Informations- und Handelsbörsen. Ihre starke Lobby übt zudem spürbaren Druck auf die Politik aus und erkämpft Handelsrechte auf dem damaligen Weltmarkt. So entwickeln sich die Orte entlang des Hellwegs nach und nach zu den wohlhabendsten Städten im Rheinland und in Westfalen. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) werden dann aber viele Städte zerstört und die Handelsbeziehungen lange unterbrochen. Die Region konzentriert sich auf die Landwirtschaft, und bis heute ist der Ackerbau in der Börde sehr ausgeprägt. Vom alten Reichtum dieser Landschaft zeugen viele Güter und Schlösser.

Wildpferde und Moor - der Emscherbruch

Die wilden Pferde an der Emscher sind mehr als eine Legende. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts leben in der Emscherniederung tatsächlich Wildpferde. Resser und Hertener Mark sind ein Lebensraum, in dem sie reichlich Nahrung in Form von Gräsern und Laub finden. Das Essener Marschallamt hält das Jagdrecht und fängt einmal im Jahr Wildpferde für den Cranger Pferdemarkt zum St. Laurentius-Tag am 10. August. Auf diesen wichtigsten Pferdemarkt der Region geht die bekannte Cranger Kirmes ín Herne zurück, die immer in den ersten Augusttagen stattfindet.
Bis zur Industrialisierung mäandriert die Emscher in einem breiten Tal mit geringem Gefälle, das durch die Schmelzwässer der vorletzten Eiszeit entstanden ist. In regenreichen Zeiten überschwemmen die Emscher und ihre Nebenflüsse weite Teile der Bruchlandschaft, die von waldreichen Feuchtgebieten und Mooren durchzogen ist. Ackerbau ist hier kaum möglich. Die hier ansässigen Menschen leben lange Zeit vor allem von der Viehzucht. Zum Weiden treiben sie ihre Schweine und Kühe in den Erlen-Bruchwald.

Bergbau und Industrie lassen von der typischen Emscherbruchlandschaft nur wenige Reste übrig. Die Bergsenkungen durch den Kohlenabbau verursachen Störungen im Gefälle der Emscher. Mancherorts verlässt sie deshalb zeitweise ihr Bett und staut sich in den entstandenen Senken zu Seelandschaften. Der Flusslauf wird zur besseren Beherrschung solcher Probleme kanalisiert, und seine Umfunktionierung zum Abwasserkanal des gesamten Ruhrgebiets lässt die natürliche Vegetation verschwinden. Intensivste industrielle Nutzung begräbt die gesamte Landschaft fast völlig unter sich, und nirgendwo kommt das Ruhrgebiet seinem dreckigen Klischee so nahe wie hier. Erst die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park beginnt mit der Renaturierung und ökologischen Umgestaltung des Emscher-Systems. In einigen Bereichen ist der ursprüngliche Landschaftscharakter wieder zu erfahren, und durch den Bau neuer Klärwerke bessert sich langsam auch die Wasserqualität.
Die Dünen der Lippe - das südliche Münsterland
Die Lippe ist der längste Fluss des Ruhrgebiets und bildet die südliche Grenze des Münsterlandes. Sie entspringt am Fuße des Eggegebirges in Bad Lippspringe und durchfließt die gesamte Westfälische Bucht nach Westen, bevor sie bei Wesel in den Rhein mündet. Der Fluss schlängelt sich in vielen Windungen durch weite Auen und gehört zu den wenigen Gewässern des Ruhrgebiets, die relativ naturnah erhalten sind. Immer wieder findet man Flugsandgebiete, in denen meterhohe Dünen aufragen. Diese sind oft mit lichten Wäldern bedeckt. Hier liegen auch Heidelandschaften, die durch Abholzung und intensive Weidewirtschaft entstanden sind. Ackerbau wird lediglich auf gut entwässerten, aber nicht zu trockenen höhergelegenen Flächen betrieben.

Südlich der Lippe erstreckt sich ein mit Kiefern bewaldeter Höhenrücken, der das Lippetal von der Emscher-Niederung trennt: die Haard. Sie gehört zum 1963 gegründeten Naturpark Hohe Mark, der weite Gebiete entlang der unteren Lippe umfasst. Er ist einer der größten Naturparks in Deutschland und umfasst vielfältige Landschaften: Weite Weiden, Heide-, Sand- und Moorflächen, Laub- und Nadelwälder sowie die Uferniederungen der Lippe. Im nördlichen Teil des Naturparks leben die letzten Wildpferde Mitteleuropas. Sie sind bei der jährlichen Auktion in Dülmen am letzten Maisamstag zu sehen - das Ruhrgebiet hat viele Gesichter!

Obwohl der Kohlenbergbau die Lippe bereits nach Norden überschritten hat, bleibt diese Landschaft sehr ländlich geprägt. Schwerindustrie und Energiewirtschaft haben ihre traditionellen Standorte weiter im Süden beibehalten können, weil hier ein ungewöhnlicher - und teurer - Kompromiss zwischen Bergbau und umfassendem Landschaftsschutz erzielt wurde. Zwar wird die Kohle in den sogenannten Anschlussbergwerken schon weit im Norden unter dem Münsterland abgebaut. Sie wird aber nicht dort ans Tageslicht gefördert, sondern zunächst unter Tage über viele Kilometer nach Süden transportiert. Erst in den schon lange bestehenden Förderanlagen der nördlichen Emscherzone kommt sie dann ans Tageslicht und wird für die unterschiedlichen industriellen Nutzer aufbereitet. So bleiben die Auswirkungen der Industrialisierung weitgehend auf den Raum südlich der Lippe beschränkt, während nördlich von ihr eines der traditionellen Erholungsgebiete des Ruhrgebiets seinen Charakter nahezu unverändert beibehalten kann.
Vogelparadies - das Niederrheinische Tiefland

Das Ruhrgebiet reicht bis auf die linke Rheinseite und umfasst so einen Teil des Niederrheinischen Tieflands. Zahlreiche Altarme durchziehen die Flussauen des Rheins, Feuchtgebiete sind Lebensraum einer artenreichen Flora und Fauna, und ausgedehnte Sand- und Bruchflächen prägen die Landschaft.
Der Rhein als zweitgrößter Fluss Europas stellt schon in der Antike den wichtigsten Handels- und Transportweg dar. Die Siedlungen auf den Hochufern oberhalb der Überschwemmungsgebiete profitieren vom lebhaften Handel auf dem Wasserweg. Im Mittelalter erlangen besonders die Umschlagplätze mit Stapelrecht eine große Bedeutung. Das Stapelrecht zwingt die Händler, ihre Waren für eine bestimmte Zeit anzubieten oder eine Ablösegebühr zu zahlen. Die Lage der Städte an der Wasserstraße ist jedoch nie ganz gesichert, da sich der Rhein bei großen Hochwassern ein neues Bett graben kann. So auch um das Jahr 1200, als er die Spitzkehren um Duisburg herum verlässt und sich bei Essenberg einen neuen Durchbruch schafft: Plötzlich liegt der Rhein zwei Kilometer von Duisburg entfernt.
Eine Kuriosität am Niederrhein ist die Fossa Eugeniana. Die im Dreißigjährigen Krieg hier herrschenden Spanier wollen mit diesem Kanal im 17. Jahrhundert eine schiffbare Verbindung zwischen Rhein und Maas schaffen, um nicht darauf angewiesen zu sein, die Niederlande passieren zu müssen. Doch vor der Fertigstellung des Kanals gräbt sich der Rhein um 1650 ein neues Bett, so dass die geplante künstliche Wasserstraße bei Rheinberg nicht mehr in den Rhein münden kann. Aber auch der Mensch hat den Charakter der Landschaft verändert. Er hat die Flussmündungen von Ruhr und Emscher verlegt und den Rhein durch Deiche in ein enges Bett gezwungen.
Nicht weit weg von den industriellen Produktionsanlagen tritt die Naturlandschaft deutlich hervor: Die Feuchtgebiete von Rhein und Fleuth sind geschützte Brut- und Rückzugszonen vieler Vogelarten. Die Rast der Schneegänse auf ihrem jährlichen Zug gerät zum Naturschauspiel. Die zahlreichen Heidelandschaften werden als Erholungsgebiete genutzt, während die fruchtbaren Böden bis heute dort eine intensive Landwirtschaft ermöglichen, wo das Montanrevier endgültig in den ländlichen Raum übergeht.