Niemals so
wie überall
 
 
 

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Das Land der 1000 Feuer - Industrialisierung und Stadtentwicklung



Entlang der Straßen des Ruhrgebiets reihen sich heute kaum noch schwarzgraue Kohle- und Bergehalden aneinander, am Horizont drehen sich nur noch selten Räder von Fördergerüsten, und der Nachthimmel wird nicht mehr von den 1.000 Feuern der Hochofenabstiche erhellt. Statt dessen sind viele Halden begrünt, Industrieanlagen verschwinden hinter den Lärmschutzwänden der Autobahnen, und aus mancher früheren Industriefläche ist ein Technologiepark geworden. Aber schon der zweite Blick lässt erahnen: Die Industrialisierung hat es nur in wenigen Regionen der Welt geschafft, einen Raum derart eindrucksvoll zu prägen.

Nur die Kohle zählt - Monostrukturen


"Monostruktur" im wirtschaftlichen Sinn bedeutet: Eine Region wird fast gänzlich von einem Wirtschaftszweig beherrscht. In den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung gilt dies für das Ruhrgebiet uneingeschränkt. Die Einseitigkeit des Montanbereichs wirkt sich in viele Bereiche hinein aus - Bildungsstruktur, Arbeitsplätze, Wirtschaftsleben. Eine konzentrierte Montanindustrie unterwirft den Raum, gliedert und füllt ihn nach eigenen Bedürfnissen, zerstückelt Funktionszusammenhänge, schafft andere neu, verursacht störende Nachbarschaften, und ihre Gase und Staubniederschläge überziehen alles mit einer gleichmachenden, dunklen Patina. Mit fast allen Sinnen wird die "Monostruktur" für den aufmerksamen Beobachter in der Landschaft spürbar: Der Blick gleitet fast ausschließlich über Anlagen des Montanbereichs, also Fördergerüste, Hochöfen, Walzwerke, Werkssiedlungen; wem einmal bewusst die Füllgase einer Kokerei in die Nase gekommen sind, der wird eine solche Anlage auch nachts, ohne den Anblick spektakulärer Löschfahnen, immer wieder erkennen; in der Nähe von Hämmern, Eisenbahnlinien oder Schwertransporten lassen Erschütterungen und Lärmeinwirkungen den Beobachter erbeben, und bei sensiblen Gemütern schließlich scheint sich der Geruch von Kohlechemie der Zunge mitzuteilen...



Ab etwa 1850 überragen industrielle Anlagen die ruhigen Dörfer an Ruhr und Emscher. Dem nicht Eingeweihten erscheinen ihre Standorte willkürlich, und doch folgen sie der eigenen Logik: wo die Kohle ansteht, lässt man sich nieder, fast unabhängig von den bis dahin gegebenen infrastrukturellen Voraussetzungen. Mitten auf dem Land schafft sich die Industrie selbst, was sie benötigt. Jede neue Zeche und viele Schachteingänge begründen eigene Siedlungskerne. Sie stehen oft in keiner Beziehung zum alten Dorf. Alte und neue Zeit stehen sich zunächst fast beziehungslos gegenüber. Mit der Zunahme der Zechenbelegschaften und der Ansiedlung auch der eisenschaffenden Betriebe werden alte und neue Siedlungsansätze integriert, förmlich überwuchert, und die landwirtschaftliche Fläche zwischen den ersten industriellen Siedlungskernen verschwindet bis auf geringe Reste; statt Stallungen jetzt Kokereibatterien, neben Bauerhöfen jetzt Werkssiedlungen, und alles wird durchzogen von Schienensträngen.



Die öffentliche Verwaltung der Jahrhundertwende kann die explosionsartige Industrie- und Stadtentwicklung kaum lenken. Ein Großteil von Grund und Boden ist schon im Besitz der Industriellen - sie sichern sich dadurch den Bodenschatz im Untergrund. So fehlt den Kommunen fast jede planerische Einflussmöglichkeit, zumal die Regierenden im fernen Berlin zunächst wenig Interesse zeigen, den Dörfern eine eigene Verwaltungs- und Planungshoheit zu geben, auch wenn sie bisweilen zu großstadtähnlichen Agglomerationen gewuchert sind. An Neuerwerb von Grund und Boden können die Gemeinden zu dieser Zeit nicht denken. Die geringen zur Verfügung stehenden Mittel sind längst verbraucht, wenn in den Bereichen Schulwesen, Wegebau und Armenwesen das Nötigste geleistet ist. Zumeist wollen sie auch nicht eingreifen, um die örtliche Konjunktur und damit die Bedeutung ihres Gemeinwesens nicht zu gefährden.

Während um die Jahrhundertwende nur wenige Straßen gepflastert, geschweige denn asphaltiert sind, zerschneiden zahllose Schienenstränge und Eisenbahndämme den Raum. Auf den Schienen rollen die Waggons mit den schwerindustriellen Rohstoffen und Produkten. Die Transporte werden so zahlreich, dass sich Schranken oft für Stunden kaum öffnen - und Brücken gibt es nur wenige. Das Ergebnis der rasend schnellen Entwicklung ist eine schier unübersehbare Gemengelage: Ohne erkennbare Ordnung reihen sich Fördergerüste, Fabriken, Güterbahnhöfe, alte Dorfkerne, Halden, Brachen, Wege, Schienen und Siedlungen aneinander. Da der Bevölkerungsdruck durch Zuwanderung nicht nachlässt, ist das rasche Erstellen von Wohnungen oberstes Gebot - wen kümmert es, wenn dadurch chaotische Siedlungsstrukturen entstehen. Und wer könnte es verhindern?



Das Ruhrgebiet ist heute mehr als die Summe seiner Teile, es ist eine pulsierende Agglomeration. Trotz des suggestiven Eindrucks, den so manche Kartenübersicht vermittelt: das Ruhrgebiet ist keine zusammenhängende Stadt, vor allem kein zusammenhängender Siedlungskörper. Wenn ein historisches Zentrum vorhanden ist, so wie in den Hellwegstädten, dann schließen sich nach außen oft durchgrünte Siedlungsinseln an - Nachbarschaften fast dörflichen Charakters auf großtädtischem Gebiet. Zwar muss man nicht nur zwischen Bochum und Herne auf die Schilder achten, um die Stadtgrenze zu bemerken. Aber es gibt kein "Ruhrgebiets-Zentrum", keine "Revier-City". Statt dessen hat jede Revierstadt ihre eigenen Attraktionen, eigene Einkaufsstraßen - und vor allem die sorgsam gehütete kommunale Eigenständigkeit. Grund ist weniger örtliches Kirchturmdenken (obwohl es auch das geben soll...), sondern vielmehr die montanindustrielle Entstehungsgeschichte. Ausgangspunkt für die Stadtentwicklung ist hier, vor allem in der Emscherzone, kein zentral gelegenes Schloss, keine Residenz und keine Kirche. Es sind wechselnde Produktionsanlagen der Schwerindustrie. Sie schaffen in einem dünn besiedelten ländlichen Raum innerhalb weniger Jahre eines der wichtigsten Schwerindustriegebiete der Welt.

Revier der Riesendörfer - Urbanität ?
Kirchenglocken und Hahnenschreie in Dörfern wie Wattenscheid oder Herne - das ist um 1850 nur die Ruhe vor dem Sturm. Bald hält das rhythmische Stampfen der Dampfmaschinen auch hier seinen Einzug. Dies gilt auch für das Stimmen- und Sprachen-Wirrwarr von Menschen aus ganz Europa - sowohl an den Werkstoren als auch in den Siedlungen, die aus dem Boden schießen. Aus friedlichen Weilern und Hofgruppen werden Riesendörfer, wie etwa Hamborn, das 1910 zum größten Dorf Deutschlands wird und die 100.000-Einwohner-Schwelle überschreitet. Die zumeist mittelalterlichen Wurzeln der Dörfer und kleinen Städte werden von industriellen Strukturen fast völlig überdeckt. Der Schutzwall etwa, der Bochum im Mittelalter vor Angriffen schützen soll, wirkt belanglos im Vergleich zu den neuen Berge- und Schlackenhalden, die im 19. Jahrhundert gen Himmel wachsen.



Keine der Ruhrgebietsstädte hat eine antike Tradition. Die Römer konnten im Rechtsheinischen nicht Fuß fassen, und die germanischen Völker kannten keine Städte, keine urbane Kultur. Die meisten Stadtgründungen des Reviers erfolgen erst im 12. und 13. Jahrhundert. Sie sollen vor allem die Macht der Herrschenden sichern, und die Aktivitäten der Kaufleute. Doch auch die "großen" Städte wie Wesel und Dortmund sind eher ländlich geprägt. Aber sie weisen als wichtige Umschlagplätze schon städtische Funktionen auf. Die übrigen Siedlungen des Reviers ohne mittelalterliche Stadttradition vergrößern sich in den ersten Jahrzehnten der Industrialisierung zwar enorm, werden dadurch aber nicht automatisch "städtisch". Sie sind keine Städte, sondern schlicht Verdichtungsräume: Nächtliches Flanieren über beleuchtete Boulevards, Kaffeehaus-Besuche, Theater, Cabarets, die ersten Kinos, Straßenbahnen, dann später Autos, immer höhere Häuser, anspruchsvolle Bildungseinrichtungen, Verwaltungen oder Konzernzentralen, kurz: ein urbanes Lebensumfeld - dies war in einer solchen Konzentration, wie sie für "richtige" Städte mit langer Tradition üblich war, im Ruhrgebiet kaum zu finden.

Die Schienen im Ruhrgebiet dienen vor allem dem Kohlentransport. Als in den 1890er Jahren die ersten elektrischen Straßenbahnen im Ruhrgebiet rollen, gibt es in Amerika bereits 20.000 km elektrifizierter Strecke. Im Revier wird für Infrastruktur nur so viel Geld ausgegeben, wie es der Industrie nutzt - darüberhinaus reicht es kaum zur nötigsten Gefahrenabwehr oder Befriedigung grundlegender Bedürfnisse. So raffiniert das Schienennetz auch entwickelt wird - es ist seit 1870 das engmaschigste Streckennetz Europas -, so wenig vermag das Straßennetz modernen Anforderungen genügen. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein sind asphaltierte Straßen die Ausnahme, von Bürgersteigen, Rinnsteinen oder Straßenbeleuchtung ganz zu schweigen.



Das Leben des durchschnittlichen Ruhrgebietbewohners zeichnet sich bis dahin durch wenig Urbanität aus. Er lebt in seinem Stadtteil: in Sterkrade, nicht in Oberhausen; in Dahlhausen, nicht in Bochum. Zur Arbeitsstätte kommt er zu Fuß, und am Zahltag geht er in eine der Kneipen, die vor dem Zechentor eröffnet haben. Die knapp bemessene Freizeit verbringt er meist in seiner Siedlung, beschäftigt sich mit seinen Tauben oder pflegt seinen kleinen Garten, wo er vor allem Gemüse anbaut. Ab 1910 halten zwar die ersten "Kinematographen" Einzug ins Ruhrgebiet und werden begeistert aufgenommen. Abgesehen von einigen Initiativen wie dem Grillo-Theater in Essen kommen kulturelle Einrichtungen wie Theater, Opern und Museen aber erst in den 1950er Jahren verbreitet auf, noch später die Hochschulen und Universitäten.

Werkssiedlungen - die Revierklassiker


Schon früh wachsen im Schatten der Fördergerüste, Hochöfen und Schornsteine hunderte von Zechensiedlungen. Sie zeugen bis heute nicht nur von der Hochindustrialisierung, sondern auch von damaligen gesellschaftlichen Vorstellungen und Strukturen. Das explosionsartige Bevölkerungswachstum, vor allem aufgrund von Zuzug, erzeugt ab etwa 1850 eine dramatische Knappheit an Wohnraum. Mangelhafte hygienische Verhältnisse in den Häusern, verbunden mit Überbelegung, sowie katastrophale sanitäre Verhältnisse bei Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung führen zu Seuchen und Epidemien. Gerade auch die industriellen Arbeitgeber, die auf eine gesunde Arbeiterschaft angewiesen sind, sehen den Handlungsbedarf. So entsteht ab 1846 die älteste Kolonie des Reviers, die Siedlung "Eisenheim" in Oberhausen, für die Beschäftigten der Gutehoffnungshütte. Diese Werkssiedlung - heute noch weitgehend unverändert erhalten - ist typischer Vertreter der ersten Generation. Niedrige Mehrfamilienhäuser in einfacher Ziegelbauweise mit bis zu vier Wohneinheiten werden aneinander gereiht und durch schmale Fußwege miteinander verbunden. Jedes Haus hat einen kleinen Gemüsegarten, dazu einen Stall für die Ziege, so dass die Zuwanderer aus den ländlichen Regionen wenigstens zu einem Teil Selbstversorger bleiben können. Auf kleinen Plätzen zwischen den Häuschen spielt das nachbarschaftliche Leben eine große Rolle, wenn etwa nach Feierabend die Ziehharmonika herausgeholt wird.



Die Unternehmen schaffen die neuen Werkssiedlungen nicht aus purer Selbstlosigkeit. Der rasante Aufschwung der Montanindustrie schafft eine immense Nachfrage an Arbeitsplätzen. Sie wird durch Anwerbungen vor allem im Osten Europas oft nur notdürftig gedeckt. Umso wichtiger ist es, besonders die qualifizierten Arbeitnehmer langfristig an das einzelne Unternehmen binden zu können. Dies geschieht oft durch kombinierte Arbeits- und Mietverträge. Die Koloniebewohner unterliegen hier nicht nur der sozialen Kontrolle durch die Mitbewohner, sondern oft auch durch regelrechte Aufseher, die an zentraler Stelle in den Kolonien wohnen. Um 1870 wird der Werkswohnungsbau zu einem regelrechten Massenphänomen, so dass um 1900 rund 20% aller Revier-Arbeiter und sogar ein Drittel der Bergarbeiter in einer der insgesamt über 25.000 Wohnungen in Werkssiedlungen leben. Den Siedlungen aus der Zeit bis 1890 ist anzusehen, dass sie möglichst preiswerten Wohnraum schaffen sollten. Schlichte Backsteinhäuser in strengen, rechtwinkligen Reihen sind die Regel; vereinzelt entstehen Einzelhaussiedlungen, in denen meistens zwei Familien leben. Die Kolonie der Zeche Bismarck in Gelsenkirchen-Schalke oder die der Zeche Nordstern in Horst sind dafür typische Beispiele.



Die ersten durchgrünten und etwas anspruchsvolleren Siedlungen im Heimatstil entstehen im Ruhrgebiet erst ab 1890. Hier finden sich die ersten "Bergarbeitervillen", mit wechselnden Grundrisslösungen, abwechslungsreicher Fassadengestaltung und schmucken Gärten. Zu den schönsten Beispielen gehören etwa die Bergarbeitersiedlungen in Moers-Meerbeck und die Siedlung Teutoburgia in Herne sowie - wohl von weltweitem Renommee - die Siedlung Margarethenhöhe in Essen. Auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg werden noch Werkssiedlungen gebaut. Sie sind jedoch in der Regel aufgrund der Verhältnisse in der frühen Nachkriegszeit relativ schlicht oder - falls architektonisch anspruchvoller - so nahe an unserer Zeit, dass wir darin (noch) nichts Interessantes erkennen...



Der Idee der Gartenstädte werden im Werkssiedlungsbau der Jahrhundertwende gestalterische Prinzipien entliehen: Die Straßen der durchgrünten Siedlungen sind geschwungen, die Häuser sind abwechslungsreich, fast aufwendig gestaltet. In enger räumlicher Nachbarschaft der Mehrfamilienhäuser für Bergarbeiter stehen vielfach die repräsentativeren Beamtenhäuser. Beispielhaft ist dies heute noch zu sehen in den Siedlungen Teutoburgia (Herne) oder Gartenstadt Welheim (Bottrop). Aber auch diese schmucken Siedlungen sind nicht als reine Wohltaten zu sehen: Wer hier wohnt, verdient meist weniger als die Arbeiter, die in einfacheren Siedlungen zu Hause sind - die Unternehmer haben unterschiedliche Konzepte, wie sie die Arbeiter an ihre Betriebe binden können. Alles in allem ist das Wohnen in Kolonien jedoch deutlich preiswerter und komfortabler als in den Häusern des privaten, oft hochspekulativen Wohnungsmarkts. Die genannten Siedlungen sind heute, nach sorgfältiger, umfassender Sanierung, wieder attraktive Wohnstätten - allerdings längst nicht mehr nur für Bergarbeiter oder Hüttenleute.

Skyline mit Schornsteinen - Ruhrgebietsarchitektur


Die Skyline des Ruhrgebiets hat heute immer weniger Schornsteine aufzuweisen. Mehr noch: Auch die Fördertürme verschwinden, überhaupt werden die Spuren alter Industrie seltener. Fabriken verfallen, Hochtürme werden abgebrochen. Die Denkmalschützer müssen sich beeilen, um genügend architektonische Zeitzeugen zu erhalten im Wettrennen mit den verschiedenen Umnutzungskonzepten und auch mit dem Zahn der Zeit. Für manchen verschwinden die Spuren der Industrialisierung allerdings nicht schnell genug. Das Drängen auf radikalen Strukturwandel und das Streben nach einem "modernen" Lebensumfeld erweckt hier offensichtlich den Wunsch, möglichst viele Spuren der "alten" Zeit zu beseitigen. Anderen hingegen liegen die historischen Zeugen der Industrialisierungsepoche sehr am Herzen. So konnten einige architektonische Besonderheiten der hochindustriellen Zeit nur durch den Einsatz von Bürgerinitiativen vor dem Abriss gerettet werden. Für Aufsehen hat beispielsweise die Rettungsaktionen gesorgt, die sich - letztlich erfolgreich - um die Erhaltung der Siedlung Eisenheim bemüht hat. Auch die "Perle" unter den Zechen, Zollern II in Dortmund-Bövinghausen, muss durch eine Bürgerinitiative geschützt werden, obwohl hier die Maschinenhalle mit ihren Jugendtstilornamenten und die Armaturenwand aus Marmor den klassischen Vorstellungen der Denkmalwürdigkeit eigentlich entgegenkommt. Das steigende Interesse eines breiteren Publikums an der dinglichen Hinterlassenschaft der Montanindustrie (und auch anderer) Branchen deutet hier auf einen tiefgreifenden Geschmacks- und Wertewandel hin.



Ruhrgebiets-Architektur - die erste Assoziation ist oft der Förderturm einer Zeche, etwa der Zeche Zollverein in Essen, die bei ihrer Errichtung Ende der 1920er als modernste und schönste Schachtanlage der Welt gilt. Das ausgemauerte Eisenfachwerk der sehr geometrischen Anlage setzt die Vorstellungen der Architektur-Avantgarde im Bauhausstil um. Meist folgen die Bauten der Montanindustrie jedoch weniger ästhetischen Idealen, sondern vor allem den Gesetzen der Funktionalität. So zeugt seit Mitte des 19. Jahrhunderts der "Malakoff-Turm" mit seinen meterdicken Mauern davon, dass es jetzt möglich ist, größere Tiefen zu erschließen: Die besonders solide Konstruktion bewältigt tonnenschwere Fördermengen der neu niederbrachten Schächte, und auch die Schwingungen der Seilscheibe können sie nicht erschüttern. Auch die stählernen Förderkonstruktionen seit den 1880ern folgen vor allem den Gesetzen der Statik. Dennoch haben sie ihren ganz eigenen Reiz. Die Nachkriegsanlagen der Gegenwart sehen oft gar nicht mehr wie "richtige" Zechen aus: Die Zechentürme werden meist verkleidet, lediglich das Firmenemblem verrät noch die Kohlenförderung. Obwohl heute Symbole des Ruhrgebiets, so sind die Zechenanlagen nur eine Teil der Industriearchitektur; Hochöfen, Silos, Eisenbahnbrücken, Wasser- und Kühltürme sind weitere. Die stählernen und steinernen Zeugen haben gemein, dass sie von technologischem Fortschritt, wirtschaftlichem Aufschwung der Region, vom Arbeitsprozess und auch Selbstverständnis der Betreiber berichten.

Interessante Ruhrgebietsarchitekur seit Beginn der Industrialisierung ist nicht nur auf den Industriegeländen selbst zu finden. Villen und Patrizierhäuser sind zwar selten, da nur wenige Angehörige des Bürgertums im Revier zuhause sind. Einige Industriellen-Anwesen spiegeln jedoch das Selbstbewusstsein und den Lebensstil einflussreicher Unternehmer auf eindrucksvolle Weise, die Villa Hügel der Krupp-Familie ist hier ein prominentes Beispiel. Auf der anderen Seite zeugen Fachwerkhäuser in der Nähe von Kirchen von der vorindustriellen Zeit der Ortskerne. Die Häuser stehen nicht nur wegen der Bergsenkungen, sondern auch wegen ihres hohen Alters schief. Bauten aus Stein aus dieser Zeit sind selten, da das Material von weit her und mit großen Kosten herbeigeschafft werden musste. Die öffentlichen Bauten schließlich, also Kirchen, Gerichte oder Schulen, sind nicht besonders regionsspezifisch, wenn man davon absieht, dass auch sie überwiegend aus Ziegeln gebaut sind: Diese hatten sich nämlich als besonders resistent gegen Luftverschmutzungen erwiesen...



Dort, wo sich im Revier heute "Alt" und "Neu" verbinden, wird die Architektur oft spektakulär. Ein Beispiel ist das Haldenereignis in Bottrop: Hier wird eine altindustrielle Fläche optimal für die Zwecke des Tourismus genutzt, indem auf einer alten Halde eine Aussichtsplattform in Form eines futuristischen Tetraeders errichtet worden ist. Von hieraus ist in Richtung Westen der Gasometer in Oberhausen zu sehen, der nicht weniger aufsehenerregend ist. Der größte Gasbehälter Europas von 1928/29 hat jahrzehntelang das Gichtgas der Gutehoffnungshütte gespeichert. Nach einem aufwendigen Umbau dient der gigantische Industriebau als Ausstellungshalle, der mit seiner Aussichtsplattform in 117 Metern Höhe einen Blick über große Teile des Ruhrgebiets bietet.

Duisburg als die Hafenstadt des Ruhrgebiets vollzieht den Imagewandel mit Hilfe des Stararchitekten Norman Foster. Er hat ein ehemaliges Speichergebäude im Duisburger Innenhafen umgeplant zu einem Kommunikations- und Informationszentrum, ein Vorzeigeobjekt des Strukturwandels.